gabriella disler

 

archive der erinnerung oder die geschichte hinter den bildern 2009


Unser Verhältnis zu Bildern ist im wesentlich von Emotionen bestimmt. Hier ist die Schnittstelle der individuellen, kulturellen und gesellschaftlichen Prägung. Ob wir in ein Bild hineingezogen oder etwa davon abgestossen, kalt gelassen wwerden, hat mit der eigenen Biographie, mit Vor-Bildern, Erinnerung , wie auch mit den kollektiv entwickelten Identifikationsstrukturen zu tun. Ob uns ein Bild berührt oder schockiert - oder nicht - hat mit eigenen Erfahrungen zu tun.
Vor dem Hintergrund des permanten Bilderrauschens, welchem wir heute ausgesetzt sind, entscheidet sich ob ein Bild als 'überraschend' empfunden wird. Es geht dann um die Regeln des Übersetzens, um die Hinterfragung dessen, was uns nur allzu selbstverständlich erscheint.
Es geht um das Überleben subjektiver, individueller und allgemeiner Bilder.

Die Konstante im Umgang mit den Bildern ist, das wir gar nicht mehr wissen woher die Bilder kommen. Wir wissen oft nicht mehr, woher sie stammen und wozu sie einmal gemacht und gedacht waren, wir haben die Kontrolle über Sie verloren. Um so stärker spielt der Kontext eine Rolle, in welcher die Bilder eingebunden werden, in denen sie Ihre Wirkung entfalten, andere Assoziationen und Emotionen wecken können. Sehen wir nicht einfach das, worauf unsere Aufmerksamkeit getrimmt ist?
Oder schauen wir auf das, was uns staunen lässt, weil es uns neugierig macht? Gibt es zufällige Bilder? Ist nicht jedes Bild die Folge von Projektion und Überlagerung schon vorhandener Bilder, ja von Klischees? von Phantasien und Wünschen unseres Wahrnehmungsapparates ?

Mein Bildarchiv ist privat und bildet meine eigene Bildsensibilität ab. Meine Photographien zeigen oftmals das Unscheinbare des Alltags, die das Gewöhnlich oder Unscheinbare als etwas Bildwürdiges, zuweilen auch Bildhaftes sehen lassen. Sie verweisen nicht zuletzt auch auf das, was auf den Photographien nicht zu sehen ist, was weggelassen wird.
Die Bilder fragen nach einer Übersetzung, den sie bieten ungeachtet ihrer Transparenz Widerstand. Doch dieser Widerstand ist es, der Sie von den sofort lesbaren Bildern unterscheidet. Die Photographien denen etwas Beiläufiges eigens zu sein scheint, verbergen nichts, dienen aber auch nicht einer Offenlegung oder Blosstellung. In dieser grundsätzliche Durchlässigkeit und Offenheit werden Oberflächen zu  Membranen. Die Aufmerksamkeit wird auf Details gelenkt und folgt Spuren, die zu Indizien werden. Der Blick wird nicht gesteuert und verfängt sich so irgendwo hinter den Szenerien im Bild.

Geht man von der emotionalen Kommunikationsstruktur von Bildern aus, dann ist der Zufall keiner, das die Werk-Teile auf verschiedenen Ebenen miteinander korrespondieren. Das Wohlbehagen des Vertrauten wird mit der Irritation durch das Seltsame, Kuriose versetzt. Der Bildraum zieht zugleich an und stösst ab. Das Verbindende lässt sich nicht eindeutig benennen und gewinnt gerade dadurch ein Potential, das sich entfalten kann.

Das Einfrieren eines Augenblickes gehört zu den Möglichkeiten der Photographie, aber auch zu ihren Grenzen. Beim wiederkehrenden Wunsch, meine Bildwelt als vielschichtiges Ganzes zu zeigen, kann das Photographische Einzel Bild nicht allein und unwidersprochen bleiben. Indem ich Bilder aus meiner Sammlung mische, verbinde ich nicht nur unterschiedliche Orte, sondern auch Zeiten miteinander. Mein Ansatz und Denken in der räumlichen und formalen Entsprechungen zeigt sich auch in der Verbindung von Aussen und Innen, von Form und Inhalt. Neben den konzeptuellen, nachdenkenden Seiten gehört eine Verknüpfung von Reflexion und Emotionalität, von Distanz und Anteilnahme, zu den zentralen Momenten in meinem Werk. Dennoch bilde ich nicht die Sehnsucht ab. Im Raum zwischen den Bildern, zwischen dem hier und dort, gestern und heute lasse ich sie dennoch zu. In der 'Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen' ist das Vergangene real wie das Gegenwärtige.

Es gilt dennoch keine komplexen Konzepte aufzuschlüsseln als vielmehr die natürlichen, beinahe selbstverständlichen Verbindungen zu benennen und assoziativ zu handhaben. Der vorübergehende Charakter einer Präsentation, die für einen spezifischen Raum konzipiert und vor Ort aufgebaut wird, ermöglicht eine Unmittelbarkeit, eine alltägliche Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit, wie sie mir in meiner Herangehensweise entspricht.

Mit dem Raum soll auch der Zeit-Raum in meinen Werken mitgedacht werden. Begriffe wie 'jetzt' oder 'früher' relativieren sich im Augenblick. Verschiedene Orte und Zeiten sind jeweils zu einer neuen Einheit verschmolzen. Es sind die unspektakulären Bilder, die Lücken, die Raum lassen, um Ereignisse, Erinnerungen in Ihnen anzusiedeln, die bleiben. Die Begriffe Ort und Zeit-Raum unterstreichen die Ausrichtung.

Mein vielfältiges und inhaltlich offenes Schaffen entzieht sich oftmals den schnellen Schlüssen und Kate gorisierungen. Eine herkömmliche Verortung kann es durch meine Haltung so nicht geben. Als Grund absicht ist mir das Entdecken eigen, komplex wie widersprüchlich, hier und dort, nah und fern.
Das Unterwegs sein jedenfalls gehört zu einer Art meiner Grundhaltung. Und mit dem gerichteten Blick auf Gegenwart und Zukunft geht die Zeit einher.





gabriella disler. 2009

















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