gabriella disler

 

'im scheinbar momenthaften den augenblick festhalten' 2008


Gabriella Disler nutzt die unterschiedlichsten Medien und Materialien, doch die Fotografie bleibt im ganzen Oeuvre als Konstante erhalten.

Eine der Hauptquellen der fotografischen Arbeiten Gabriella Dislers ist ein umfassendes Fotoarchiv besonderer Art. Hier sammelt die Künstlerin Aufnahmen,die subjektiv und intim wie ein Tagebuch das Material zur Konstruktion innerer Welten liefern. Die Bilder greifen thematisch immer über den Bildausschnitt hinaus.
So wird im Fragment das Ganze mitgedacht und gleichzeitig das formale Element betont. Details werden offen sichtlich, menschliche Figurenfragmente zeigen vor allem die Geste des Moments. Miteinander in einer Fotoarbeit kombiniert, reagieren diese Bildschichten ähnlich assoziativ wie unser neuronales Netzwerk. Es werden weniger thematische Beziehungen untereinander aufgerufen, als formal - strukturelle. Die Konservierung der Zeiträume bleibt so ausfransend und unabgeschlossen. Körper werden mit speziellen Raumsituationen verbunden, je im Bildausschnitt verwandt - ein Dialog der Strukturen, ein Spiel der Ähnlichkeiten.

So bildet sich eine plötzliche Verwandtschaft zwischen schlaff herabhängenden Armen und der Nahaufnahme von Tüchern auf einer Kommode, auch wenn diese im Ursprung kaum etwas miteinander gemeinsam hatten. Die Bilder dienen retrospektiv der Erinnerung, doch im Gegensatz zur sonst so geläufigen These des Festhaltens der Zeit mittels der Fotografie, zeigen Gabriella Dislers Fotoinstallationen, dass diese dargestellte Vergangenheit stets Konstruktion ist.

Sie bleibt verknüpft mit dem Hier und Jetzt, immer augenblicklich und der Veränderung unterworfen. Bilder, auch Fotografien, konstruieren fiktive Erinnerungen, Stimmungsmomente, sind nie rein, unverfälscht und persönlich. Die Erinnerungsbilder werden immer überlagert, ein Vorgang, den jeder von Kindheitsfotografien kennt, bei denen sich Erzähltes undurchdringlich in die eigenen rudimentären Erinnerungsfetzen webt. In der Kombination der Bilder wird dieser paradoxe Prozess bei Gabriella Disler überraschend deutlich.
Wirklich präsent, wenn auch nur als Versatzstück, bleibt die Geste, das unbedeutende Fragment und Detail. Sie wird kulturell - gesellschaftlich im Laufe der Zeit überformt und in verschiedene Medien als Codierung weitergetragen, wird zum Symbol. Dieser Prozess ist als Ganzes zwar übergreifend, findet seine spezifische Ausprägung jedoch in der jeweiligen Kultur und Sprache.

So wie die Fotografien erst in der Kombination und raumspezifischen Präsentation das strukturelle Spiel zwischen Plausibilität und Konstruktion aufnehmen, so überschreitet die Künstlerin in der Verbindung dieser Arbeiten mit grossformatigen Tuschzeichnungen die mediale Grenze. Der gestische Aspekt der Körperfragmente findet dabei seine formale Entsprechung im scheinbaren Fliessen der organoiden, Schlingpflanzen ähnlichen Strukturen, was durch die monumentale Ausführung der sonst ins Kleinformat gebannten Werke der Zeichnung noch augenfälliger wird. Eine weitere ähnlichkeit besteht im scheinbar Momenthaften, den Augenblick festhaltenden der Bildkomposition. Es entsteht zwischen Zeichnung und Fotografie ein Wechselspiel inhärenter Bewegung.Ist in diesen Werken die tatsächliche oder die assoziierte Geste ein Hauptthema, so spielt in einer neuen Arbeit unter dem Titel 'the in between and its inherent impatience' die Körperhaltung und deren Aussagekraft im Zentrum. Das Abbild der Person wird dabei in der Fotoarbeit bis auf die schwarze Silhouette reduziert, die jedoch im Gegensatz zum Scherenschnitt der Klassik oder Romantik den ganzen Körper umfasst.

Statt der Wiedererkennung des Gesichtsprofils mit den darin verborgenen Charaktereigenschaften, steht der gesamte Körperumriss wie ein irrealer Schatten für die Person, spricht über sie und ihren Bezug zum, in schwarz weiss gehaltenen Umgebungsraum.Das grosse und ihr Werk als roter Faden durchlaufende Thema der Reduktion der Person auf ihre Geste und Haltung und ihre sowohl kulturelle, wie auch persönliche Konnotation, deren Präsentation für den Betrachter gegebenenfalls auch zum Irrweg wird, bleibt auch in diesen Arbeiten Gabriella Dislers erhalten.

Kerstin Richter, Kunsthistorikerin Basel 2008