GABRIELLA DISLER

 

void and profusion 
Einführungstextauszug Michael Babics, Kunsthistoriker, Basel
Chelsea Gallery, Laufen  2013


 

Steckt nicht in vielen von uns dieses Bedürfnis, in die Ferne zu reisen? Weg von hier, in fremde Welten, um uns mit neuen Eindrücken einzudecken und unser eigenes Dasein zu reflektieren? Auch Jill Wäber, Gabriella Disler und Nesa Gschwend sind aufgebrochen, um ihren Horizont zu erweitern und ihre Bildsprache durch die neuen Eindrücke weiterzuentwickeln. Nicht zum ersten Mal sind sie Richtung Osten gezogen, von der Neugier getrieben, auf der Suche nach dem Fremden und nach sich selbst. In China, Japan und Indien haben sie neue Räume entdeckt, Bekanntschaften geschlossen und ihre Kunst genährt.


... Wie die Künstlerinnen in fernen Ländern begeben auch wir uns auf Spurensuche. Wir sind weiter neugierig Neues zu entdecken und auf Unbekanntes zu treffen.

Auch Gabriella Disler liess sich während eines mehrmonatigen Japan-Aufenthaltes in Tokyo von Neuem und Fremden inspirieren. Auf langen Spaziergängen durch die dichtbevölkerten Strassen von Tokyo hat sie die Stadt erkundet. Ein Interesse, welches sie dabei verfolgte, war die Suche nach Leere. Nach leeren, ruhigen Räumen, welche die Lebendigkeit dieser Weltstadt kontrastieren. Sie bewegte sich im Zentrum von Tokyo, wo der Quadratmeterpreis zu den teuersten weltweit gehört, und doch stiess sie unerwartet auf verlassene Räume. In einer in den 1930er-Jahren gebauten Wohnsiedlung, die sich ganz in der Nähe der berühmtesten Einkaufsstrasse Japans, der Omotesando, befindet, sind noch unbewohnte Räume anzutreffen, die vor einiger Zeit von ihren Bewohnern verlassen wurden und nun langsam dem Zerfall ausgesetzt sind. Nur noch die Hälfte der Siedlung ist bewohnt. Obwohl bereits ein Neubauprojekt in Planung ist, dürfen die Behörden dem Gesetz nach den verbliebenen Einwohnern nicht kündigen und müssen warten, bis diese ausgezogen sind. Diese Situation führt zu einer teils bewohnten, teils leeren Siedlung, deren Poesie der Leere fasziniert. Leider war keine Bewilligung zu kriegen, um die verlassenen Wohnungen von innen zu fotografieren. Doch liess sich Gabriella nicht entmutigen und machte sich auf, um das Gebäude vom Treppenhaus aus zu erkunden und nach möglichen Einblicken zu suchen. Leicht angespannt, immer mit der Erwartung von einem der wenigen Bewohner überrascht und mit Fragen nach dem Tun konfrontiert zu werden, bewegte sich Gabriella durch die von abgeblätterter Farbe geprägten Gänge. Gestossen ist sie dabei auf kleine Türfensterchen, die einen intimen Einblick in die leeren Wohnungen gewährten.

Und so sind es nun diese Einsichten, von der Eingangstür aus in die Wohnungen fotografiert, die uns die Stimmung dieses Ortes vermitteln. Wir sehen auf das Wesentliche reduzierte Räume. Keine Menschen, keine Möbel, keine Zeichen von Aktivität. Von den Spuren des Alltags befreite Zimmer. Leichte Stellwände und Schiebetüren werden von feinsten Holzbalken flankiert. Geometrisch ausgewogen rhythmisieren sich vertikale und horizontale Akzente. Die Böden sind mit Tatami Matten gegliedert, die Kästen in die Wände eingelassen. Wie aus Papier gebaut, wirken die modellähnlichen Räume. Zerbrechlich und in vermeintlicher Gefahr beim nächsten Windstoss in sich zusammenzufallen. Und doch haben sie eine lange Vergangenheit und viele unterschiedliche Bewohner überdauert. Sie haben die Spuren der Zeit verinnerlicht und präsentieren diese nun in bescheidener Zurückhaltung. Sie sind leer und dennoch voller formaler Dichte.

Diese fragile Umgebung der japanischen Innenräume hat Gabriella Disler in einer Bodeninstallation in den Ausstellungsraum übertragen. Holzleisten und Glasscheiben lagern übereinander und bilden kleinste Innenräume, die in unseren Gedanken betreten werden können. Das Licht reflektiert sich in den glatten Oberflächen und bietet uns ein in den Raum eindringendes, variantenreiches Schattenspiel. Höchst vergänglich wirkt diese Installation. Wie die japanische Kirschblüte Sakura, die für kurze Zeit im Frühling ihre verletzliche Schönheit offenbart. 




Michael Babics, 2013